PARAGONE Talk: Gegossene Bildwerke aus Benin – Machtvolle Symbole der Vergangenheit als Herausforderung für die Gegenwart

Paragone-Talk – wieder eine echter Erkenntnisgewinn!

„Beninbronzen – Raubkunst – Kolonialismus - Rückübertragung…“ – so oder so ähnlich dürfte die Assoziationskette bei vielen bei der Ankündigung des mittlerweile 5. Paragone-Talk „Gegossene Bildwerke aus Benin – Machtvolle Symbole der Vergangenheit als Herausforderung für die Gegenwart“ gewesen sein. Und wer wusste bereits, dass wir in Sachsen eine sehr umfangreiche Benin-Sammlung, in Deutschland nach Berlin die zweitgrößte sogar haben?


Der abendliche Talk am 5 April hat jedoch alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ganz andere, tiefere Dimensionen der Thematik eingeführt. Dies ist das besondere Verdienst der Ethnologin und Afrikanistin Silvia Dolz (Foto), die Kustodin für die Afrika-Sammlungen in den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen ist. Sie war in den letzten 20 Jahren mehrfach zu Forschungs- und Dialogaufenthalten in der Bundesrepublik Nigeria und speziell in Benin City (nicht zu verwechseln mit der heutigen Republik Benin) im Bundesstaat Edo zur Erforschung von Geschichte und Kultur im historischen Benin-Reich und als Fachvertreterin in der internationalen Benin-Dialog-Gruppe, die sich um eine gemeinsame Lösung in der Benin-Frage bemüht.


Auch vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Aufenthalte, Forschungen und Erfahrungen vor Ort hat sie uns mit ihrem Vortrag einen umfassenden, anschaulichen Überblick von der Ge-schichte des Königreichs Benin und der Benin-Bronzen bis zur gegenwärtigen kulturpolitischen Diskussion und Fragen eines verantwortungsvollen zukunftsgerichteten Umgangs mit der Thematik gegeben.


Anhand von Exponaten aus der Dresdner Sammlung wie dem Bronzereliefplatte Reitender Oba und der Figur eines Portugiesen (s. Foto) erhielten wir einen vertieften Einblick in die Geschichte des Königreich Benin als bedeutsamem Machtzentrum Westafrikas, das schon im 16. Jahrhundert vielfältige Verbindungen weit über Afrika hinaus, insbesondere zu Portugiesen, Franzosen und Engländern, hatte. Seine starke wirtschaftliche und politische Machtposition und seine kulturelle Blüte verdankte Benin, das bis 1897 nie besiegt wurde, dabei dem Sklavenhandel während der Kolonialzeit. Als Zahlungsmittel der Portugiesen dienten dabei die „Manillen“, massive Armreifen aus Messing und Bronze, die Benins Bronzegießern das erforderliche Material lieferten. Wichtig zur Einordnung auch die Erläuterung der zunächst ausschließlich kultisch-religiösen Funktion im Ahnenkult des Volks der Edo im Königreich Benin und der Produktion der Vollplastiken und Halbreliefs zunächst nur für das Königshaus bzw. den Oba. Mit dem Übergang des Volks der Edo zum Christentum schwand diese ursprüngliche kultisch-magische Bedeutung der Objekte jedoch. Angesichts der Tatsache, dass das Volk der Edo keine Schriftsprache nutzte, blieb zugleich aber die grundlegende Bedeutung der Objekte als historische und kulturelle Dokumente des Königreichs Benin. Eine wechsel- und konfliktvolle Geschichte führte am Ende des 19. Jahrhunderts nach 1897 zur Translokation eines großen Teils des kulturellen Erbes des alten Benin-Reiches („Benin-City“) in westliche Länder.


Beeindruckend ist - auch wenn für uns bisher nur auf dem Bildschirm - neben der noch heute offenkundigen Symbolkraft der Objekte die enorme Kunstfertigkeit, die in den gezeigten afrikanischen Metall-Arbeiten sichtbar wird und auf jahrhundertealter Tradition fußt. Beeindruckend auch das interkulturelle Zusammenspiel besonders in Werken des Expressionismus. Speziell Künstler der Brücke, darunter Emil Nolde, wurden seinerzeit von den Bronzen, die auf unterschiedlichem Weg in die Völkerkundemuseen Sachsens gekommen waren, für ihr eigenes Schaffen inspiriert, wie Frau Dolz durch Gegenüberstellungen illustrierte. Bis heute besteht dadurch eine enge Verbindung zu Dresden und Sachsen sowie zur europäischen Kunstgeschichte.

So wird deutlich, warum die Artefakte längst zur Weltkultur zählen und in Sammlungen und Museen auf der ganzen Welt (bisher) die künstlerische Meisterschaft in Afrika bezeugen.


Erhellend waren auch die differenzierten Ausführungen von Frau Dolz zum aktuellen Disput um die Berechtigung von außereuropäischen Kunstsammlungen in europäischen und speziell deutschen Museen, wo sich die Positionen zwischen Bewahrung, Austausch und vollständiger Restitution bewegen. Aufschlussreich, aber politische und praktische Lösungen nicht unbedingt einfacher machend waren dabei auch die Hinweise auf unterschiedliche Positionen und Interessenlagen je nachdem, welche Ebene die afrikanischen Gesprächspartner repräsentieren, ob Bundesrepublik Nigeria, Bundesstaat Edo oder der Oba in Benin-City, der als Repräsentant des Königshauses dort noch heute hohe Autorität hat. Zugleich ist in Nigeria das Volk der Edo nur eine kleine Minderheit. Nicht unwichtig zudem, dass die Nigerianer mehrheitlich Muslime sind, für die das religiöse Bilderverbot gilt.)


All dies zeigte auch in der anschließenden Diskussion zu Fragen der Provenienzforschung sowie der rechtlichen und moralischen Begründetheit von Restitutionsforderungen: Es gibt keine pauschale Lösung, wohl aber eine große Verantwortung für den Erhalt von Weltkultur und die Suche nach gemeinsam verantworteten Lösungen.


Der abschließende Kommentar unseres Vereinsgründers und Ehrenmitglieds Dr. Moritz Woelk, dem derzeitigen Direktor des Kölner Museums Schnütgen, „In Köln habe ich eine so differenzierte Darstellung und so niveauvolle Diskussion zu der Thematik bisher leider vermisst.“, zeigt einmal mehr, was das Besondere an Paragone ist!


Mit bemerkenswerter Deutlichkeit äußerte sich die Afrika-Expertin auch zur Frage, ob vorhandene Beninbronzen-Sammlungen weiterhin auch in Sachsen der Öffentlichkeit zugänglich sein sollen. Nur durch Präsentation der Objekte, nicht durch deren Verschluss würden Museen ihrem Bildungsauftrag gerecht und könnten das Bewusstsein und auch die Wertschätzung für diesen spezifischen afrikanischen Beitrag zur Weltkultur fördern.


Dieser Ansatz macht uns Paragone-Mitgliedern Hoffnung, dass der geplante Vor-Orttermin in der Dresdner Sammlung in diesem Jahr noch möglich sein wird.

 

Weiterführende Literaturhinweise:

NZZ-Gastkommentar von Dr. Richard Schröder zur Gesamtthematik „Was in der Raubkunst-Debatte zu kurz kommt“ vom 18.09.2021, dort auch noch weiterführende Literaturhinweise.

Figur eines Portugiesen

Benin-Sammlung im Museum für Völkerkunde Dresden
Figur eines Portugiesen 16.-18. Jh., Benin-Sammlung im Museum für Völkerkunde Dresden

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